Theas Blog

Januar 2019

Dolmetschen und Übersetzen in Deutschland:
Ein Branchenportrait (Teil 1)

Prolog

»Wie sieht das eigentlich bei euch aus? Wie hat sich die Branche in den letzten Jahren entwickelt? Anders als bei uns in Schweden?« Das fragte mich Björn Olofsson, Vorstandsmitglied und verantwortlicher Redakteur der Mitgliederzeitschrift des Schwedischen Fachübersetzerverbandes, Sveriges Facköversättarförening (SFÖ), auf der Jahreskonferenz 2018 in Lund. Und so begann eine interessante Diskussion, die leider durch das Startzeichen für die Mitgliederversammlung unter­brochen wurde. Bevor Björn verschwand, nahm er mir das Versprechen ab, einen Artikel über die Branche in Deutschland für den »Facköversättaren« zu schreiben.

»Hätte ich mich bloß nicht darauf eingelassen«, habe ich im Nachhinein manch­mal gedacht. Dass es so wenig öffentlich zugängliche Daten und vor allem auch keine aktuellen und belastbaren gibt, ist mir erst bei meinen Recherchen so richtig klar geworden. Daher möchte ich die Ergebnisse auch gern deutschen Lesern zugänglich machen. So ist dieser mehrteilige Blogbeitrag zur Branche auf Basis des schwedischen Artikels entstanden.

Eine schwer durchschaubare Branche

Es gibt keine aktuellen Zahlen zur Berufsgruppe der Dolmetscher und Übersetzer in Deutschland und auch kaum belastbare und öffentlich zugängliche Branchenkennzahlen. In der amtlichen Statistik werden Branche (WZ 74.3) und Berufsgruppe nur sehr unzureichend abgebildet. Das mag daran liegen, dass die Berufsgruppe der Dolmetscher und Übersetzer im Vergleich zu denen der Ärzte und Rechtsanwälte recht klein und die Branche im Verhältnis zu Maschinenbau und Telekommunikation ein wirtschaftliches Leichtgewicht ist. Wenn man jedoch daran denkt, dass Deutschland eine Exportnation ist und der Handel zu den treibenden Wachstumsfaktoren dieser Branche gehört, verwundert es schon.

Dass die öffentlich zugängliche Datenbasis für eine Analyse der Branche recht dünn ist, hat unter anderem folgende Gründe:

  • Das deutsche Steuerrecht unterscheidet bei Selbstständigen zwischen freiberuflich und gewerblich Tätigen. Dolmetscher und Übersetzer gehören zu den freien Berufen und sind nicht verpflichtet, Bilanzen zu erstellen und zu veröffentlichen. Das trifft auf Einzelübersetzer und -dolmetscher, Partnerschaftsgesellschaften, Gesellschaften bürgerlichen Rechts (GbR) und freiberufliche Übersetzergemeinschaften zu. Sie erzielen Einkünfte aus freiberuflicher Tätigkeit und ermitteln ihren Gewinn nach der Einnahmenüberschussrechnung (EÜR).
  • Wer als selbstständiger Dolmetscher und Übersetzer nicht nur selbst tätig wird, sondern auch regelmäßig Aufträge in Sprachen vermittelt, die er selbst nicht beherrscht oder kontrollieren kann, ist gewerblich tätig. Unterschreitet er gewisse Grenzen bei Gewinn (60 000 Euro) oder Umsatz (600 000 Euro), entfällt die Bilanzierungspflicht.
  • Für bilanzpflichtige Kapitalgesellschaften kleiner und mittlerer Größe gibt es zudem Erleichterungen bei den Rechnungslegungs- und Offenlegungspflichten, die zu vereinfachten und wenig aussagekräftigen Bilanzen führen und die Veröffentlichung der Gewinn- und Verlustrechnung freistellen. Angaben zu Umsatz und Mitarbeiterzahl sind freiwillig! Zudem müssen Kleinst-Kapitalgesellschaften ihren Jahresabschluss zwar hinterlegen, aber nicht veröffentlichen.
  • Die Einführung einer neuen Klassifikation der Berufe hat dazu geführt, dass das Statistische Bundesamt seit 2012 im Rahmen der Mikrozensus-Haushaltsstichprobe keine Auswertung zu den freien Berufen mehr vorgelegt hat.

Ein Blick zurück ins Jahr 2011

Die letzte Erhebung zur Berufsgruppe der Dolmetscher und Übersetzer nahm das Statistische Bundesamt im Rahmen der Mikrozensus-Haushalts­stichprobe 2011 vor. Demnach gab es in Deutschland insgesamt 40 000 Dolmetscher und Übersetzer, davon 65 % Frauen und 35 % Männer. Selbstständig tätig waren 83 % der Dolmetscher und Übersetzer (33 200), davon 65 % freiberuflich. Angestellt, und damit sozial­versicherungs­pflichtig beschäftigt, waren 2011 rund 6 800 Dolmetscher und Übersetzer (17 %). Der Umsatz der Branche »Dolmetschen und Übersetzen« betrug in Deutschland 2011 laut Statistischem Bundesamt 850 Millionen Euro und stieg im Folgejahr um 4,7 % auf 890 Mio. Euro.

Auf Grundlage der 2011 veröffentlichten Bilanzsummen entstand Uepo 300, die Liste der 300 größten Sprach­dienst­leister Deutschlands, die von Jessica Antosik, Viktoria Rybczynski, Nina Neumann, Janine Fischer, Kirsten Koch, Zaira Fiori und Richard Schneider vom Übersetzerportal (UEPO) zusammengestellt wurde. Die Bilanzsumme hat zwar bei weitem nicht die Aussagekraft wie Umsatz und Anzahl der Mitarbeiter, ist aber die einzige Kennzahl, die gemeldet werden muss und im Bundesanzeiger veröffentlicht wird.

Die Bilanzsumme ist die Summe der Vermögenswerte eines Unternehmens am Bilanzstichtag, mit der sich Unternehmen in Größenkategorien einordnen und vergleichen lassen. Bei Dienstleistungsunternehmen wie Sprachdienstleistern ist die Bilanzsumme im Vergleich zu Industrieunternehmen deutlich kleiner, weil ihnen keine Grundstücke, Gebäude und Produktionsanlagen gehören, sondern sie die Bürogebäude meist mieten und nur über ein geringes Vermögen verfügen. So kann der Umsatz die Bilanzsumme um ein Mehrfaches übertreffen.

2011 wiesen von den 300 größten deutschen Sprachdienstleistern 204 Unternehmen eine Bilanzsumme von über 100 000 Euro aus, 71 Unter­nehmen eine Bilanzsumme von über 500 000 Euro, 38 Unternehmen von über 1 Mio. Euro und bei 19 Unternehmen überschritt die Bilanzsumme 2 Mio. Euro. Lionbridge Deutschland lag mit einer Bilanzsumme von 13 Mio. Euro auf Platz 1, gefolgt von SDL Multilingual Services mit 11 Mio. Euro und STAR Deutschland mit 8 Mio. Euro.

KMU-Definition der EU seit 2005

Unternehmensgröße Beschäftigte und Umsatz
€/Jahr
oder Bilanzsumme
€/Jahr
kleinst bis 9   bis 2 Mio.   bis 2 Mio.
klein bis 49   bis 10 Mio.   bis 10 Mio.
mittel bis 249   bis 50 Mio.   bis 43 Mio.


Legt man die Definition der Europäischen Kommission zu den Unternehmensgrößen auf Basis der Bilanzsumme zugrunde, dann gab es 2011 unter den Top 300 deutschen Sprachdienstleistern 2 mittelgroße Unternehmen, 17 Kleinunternehmen und 276 Kleinstunternehmen.

Das amerikanische Marktforschungsinstitut Common Sense Advisory (CSA) ermittelt regelmäßig weltweit die Top 100 Language Service Provider (LSP) nach Umsatz, wobei die Unternehmen selbst aktiv werden und ihre Daten melden müssen. Basierend auf den Umsatz­zahlen von 2011 be­fanden sich 2012 unter den Top 100 LSP 9 deutsche Unternehmen, jedoch keines unter den ersten 50. Dagegen platzierten sich dort 4 schwedische Unternehmen: Semantix (Platz 15), Språkservice Sverige (Platz 30), CBG Konsult (Platz 31) und Transvoice Sweden (Platz 38). Letzteres erwirt­schaftete 2011 einen doppelt so hohen Umsatz wie das best­platzierte deutsche Unternehmen – die Beo Gesell­schaft für Sprachen und Technologie auf Platz 54. Zu den weltweit umsatzstärksten Unternehmen gehörten 2011 Mission Essential Personnell (USA) mit 537 Mio. Euro, Lionbridge Technologies (USA) mit 317 Mio. Euro und HP ACG (Frankreich) mit einem Umsatz von 310 Mio. Euro.

 

Unternehmen Umsatz 2011
(Mio. Euro)
Feste MA Ranking CSA BS 2011
(Mio. Euro)
Ranking
Uepo 300
Umsatz/BS
Beo Gesellschaft für Sprachen und Technologie 8,77 65 54 1,35 27 7
4-Text-Software-Lokalisierung und technische Übersetzung 7,84 55 60 2,67 14 3
Institut für technische Literatur 7,74 90 61 2,12 18 4
Mt-g Medical Translations 7,02 49 68 1,37 26 5
Transline Dr. Sturz 7,01 80 69 4,1 7 2
Arvato Technical Information 5,67 420 78 k. A. nicht gelistet
NLG 5,57 42 80 0,95 43 6
Text & Form 4,85 45 83 1,16 33 4
Tetras 4,39 40 86 0,18 150 24
BS = Bilanzsumme | MA = Mitarbeiter | k. A. = keine Angabe


Betrachten wir jetzt die Unternehmensgröße der 9 deutschen Sprachdienstleister, gemessen am Umsatz und der Anzahl der Mitarbeiter, haben wir es mit 5 kleinen und 4 Kleinstunternehmen nach EU-Definition zu tun. Deutlich wird auch, dass die umsatzstärksten Sprachdienstleister nicht die mit den höchsten Bilanzsummen sind und dass der Umsatz die Bilanzsummen deutlich übertriff – vom Zweifachen bis zum Siebenfachen (wenn man die Angaben von Tetras außen vor lässt).

Sehr klein, stark fragmentiert und hart umkämpft

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Branche im Vergleich zu anderen Dienstleistungsbranchen sehr klein und wirtschaftlich ein Leichtgewicht ist. 2011 wurden mit Dolmetschen und Übersetzen 850 Millionen Euro Umsatz erzielt. Das ist nicht einmal ein Zwanzigstel des Umsatzes, der durch Rechtsberatung erwirtschaftet wurde (18,9 Mrd. Euro), und laut Statistischem Bundesamt auch nur ein minimaler Bruchteil des Umsatzes, den die Branche »Unternehmensberatung« (77 Mrd. Euro) 2011 realisiert hat.

Die Dolmetscher- und Übersetzerbranche in Deutschland ist 2011 von Klein- und Kleinstunternehmen dominiert. Es gibt kaum mittelständische Unternehmen und keine großen Mitspieler. Die Branche ist stark fragmentiert – manche sagen auch »pulverisiert«. Deutlich wird das auch daran, dass die weltweit unter den Top 100 der Language Service Provider gelisteten 9 deutschen Unternehmen 2011 zusammen gerade einmal 7 % des Branchenumsatzes erwirtschafteten. Dieser Umsatz wurde allein von den ersten beiden Unternehmen der Top 100 LSP – Mission Essential Personnel und Lionbridge Technologies aus den USA – um 4 Mio. Euro übertroffen. Im Gegensatz zu anderen Branchen, wo 10 oder weniger Unternehmen für 80 % des Umsatzes stehen, braucht es dafür in der Dolmetscher- und Übersetzerbranche Tausende Unternehmen.

Entsprechend hart ist auch der Wettbewerb, wobei es eine Besonderheit zu berücksichtigen gilt: Selbstständige Dolmetscher und Übersetzer sind zwar Mitbewerber, aber auch Kollegen, und in wechselnden Rollen als »Einkäufer« und »Verkäufer« unterwegs. Sie erhalten Aufträge von und vergeben Aufträge an andere Selbstständige, aber auch an Sprachdienstleistungsunternehmen (Agenturen, Büros), die wiederum Aufträge an andere Unternehmen vergeben bzw. von ihnen erhalten. Konkurrenz und Kooperation gehen Hand in Hand. Häufig sind die besten Kunden von kleinen Sprachdienstleistungsunternehmen, die sich auf eine gewisse Palette von Sprachen, Fachgebieten und Leistungen beschränken, die großen, global agierenden Sprachdienstleistungsunternehmen, die »alle Sprachen, alle Fachgebiete« abdecken und eine breite Leistungspalette aufweisen – vom Copywriting über Marktforschung bis hin zum Voiceover. Doch kein Sprachdienstleistungsunternehmen würde ohne die vielen tausend freiberuflichen Dolmetscher und Übersetzer überleben: Sie bilden das Rückgrat der Branche.

Wie sich Berufsgruppe und Branche bis 2017 entwickelt haben, berichte ich im aktuellen Blogbeitrag.

2019-01-26, basierend auf einem Artikel für die Zeitschrift des Schwedischen Fachübersetzerverbandes SFÖ »Facköversättaren«, Ausgabe 4/2018